Inhaltsübersicht

  1. Die Grundidee: lokal produzieren, lokal verbrauchen
  2. Ziele und Vorteile für Stakeholder
  3. Das Erneuerbaren-Ausbau-Gesetz (EAG 2021)
  4. Die drei Modelle: GEA, EEG, BEG
  5. Das neue Elektrizitätswirtschaftsgesetz (ElWG 2025)
  6. Praxis: Wirtschaftliche & ökologische Vorteile
  7. Der praktische Beitrittsablauf
  8. Fallbeispiel: BEG Sieghartskirchen
  9. Vergleich mit anderen Energiegemeinschaften
  10. Zukunftsperspektive bis 2030
  11. Videos zum Thema
  12. Handlungsempfehlungen
Energiegemeinschaften in Österreich kurz erklärt – Illustration mit Häusern, Solaranlagen und Windrad
Energiegemeinschaften in Österreich: regional, fair und unabhängig

Wussten Sie, dass Ihre Gemeinde bereits Strom gemeinsam erzeugen könnte? Energiegemeinschaften machen genau das möglich — sie verbinden Bürger:innen, Betriebe und Gemeinden, um lokal produzierten Strom effizienter einzusetzen. Damit entsteht ein neues Modell der Energieversorgung: regional, fair und unabhängig. Und Sie sparen beim Strom- und Netzkostenpreis.

Die grundlegende Idee: Strom lokal produzieren, lokal verbrauchen

Eine Energiegemeinschaft ist ein Zusammenschluss von mindestens zwei Teilnehmern — egal ob Privatpersonen, Haushalte, Betriebe, Gemeinden oder kleine und mittlere Unternehmen — zur gemeinsamen Produktion, Speicherung und Nutzung von erneuerbarer Energie. Die zentrale Idee ist elegant und wirkmächtig: Strom soll nicht über lange Strecken zu Verbrauchern transportiert werden, sondern dort erzeugt und verbraucht werden, wo die Menschen und Unternehmen sind. Die überschüssige Energie wird nicht einfach ins überregionale Netz eingespeist, sondern bleibt in der Gemeinschaft und wird untereinander geteilt.

Dies ist eine fundamentale Umkehrung des traditionellen Energiesystems. Während Österreich jahrzehntenlang von zentralisierten Großkraftwerken abhängig war, die Strom über hunderte Kilometer transportieren mussten, ermöglichen Energiegemeinschaften eine Dezentralisierung der Energieversorgung. Sie transformieren passive Stromkonsumenten in aktive, mitbestimmende Prosumenten.

Nachbarn besprechen gemeinsam ihre Photovoltaikanlagen in einer Ortschaft mit Kirchturm
Energiegemeinschaften verbinden Nachbarn zu einer gemeinsamen, lokalen Energieversorgung

Ziele und Vorteile für verschiedene Stakeholder

Für Bürgerinnen und Bürger

  • Kosteneinsparungen: Durch reduzierte Netzentgelte (in EEGs um bis zu 28–64% je nach Netzebene), Entfall des Erneuerbaren-Förderbeitrags und der Elektrizitätsabgabe sparen Teilnehmer zwischen 2–5 Cent pro kWh.
  • Unabhängigkeit von Energieversorgern: Weniger Abhängigkeit von großen Energiekonzernen und deren Preisschwankungen.
  • Schutz vor Energiearmut: Günstigerer Strom ermöglicht sozial benachteiligten Haushalten Zugang zu bezahlbarer, grüner Energie.
  • Aktive Mitgestaltung: Mitglieder entscheiden demokratisch mit und haben Kontrolle über ihre Energieversorgung.

Für Unternehmen und Gemeinden

  • Versorgungssicherheit: Lokale Energieerzeugung reduziert Abhängigkeit von Import und bietet Schutz in Krisensituationen.
  • Senkung der Betriebskosten: Besonders für Betriebe mit hohem Stromverbrauch bedeutet EEG-Teilnahme erhebliche Kosteneinsparungen.
  • Stärkung der Wirtschaftskraft: Die Wertschöpfung bleibt in der Region und fließt nicht zu internationalen Konzernen.
Rechtliche und finanzielle Vorteile von Energiegemeinschaften: Einsparung bei Energiekosten, Förderungen, Flexibilität, Ausnahme bei Netzentgelten
Rechtliche und finanzielle Vorteile im Überblick

Für Gesellschaft und Umwelt

  • Entlastung des Stromnetzes: Dezentral erzeugter Strom belastet die Netze weniger und trägt zur Netzstabilität bei.
  • CO₂-Reduktion: Erneuerbare Energie vor Ort vermeidet lange Transportwege und Netzübertragungsverluste.
  • Förderung der Energiewende: Energiegemeinschaften sind Schlüsselinstrument für Österreichs Ziel, bis 2030 100% erneuerbaren Strom zu erreichen.

Kosteneffizienz in Zeiten steigender Energiepreise: Die Netzentgelte haben sich 2025 um durchschnittlich 19% erhöht. Die Bürger-Energiegemeinschaft Sieghartskirchen bietet 2025 einen Tarif von 11,00 Cent/kWh plus 30 Euro Administrationsentgelt — deutlich unter Marktpreisen.

Das Erneuerbaren-Ausbau-Gesetz (EAG 2021) als Meilenstein

Die rechtliche Basis für Energiegemeinschaften in Österreich wurde durch das Erneuerbaren-Ausbau-Gesetz (EAG), im Juli 2021 mit Zwei-Drittel-Mehrheit beschlossen, geschaffen. Das EAG verfolgt ein ehrgeiziges Ziel: Bis 2030 die Stromversorgung Österreichs zu 100% aus erneuerbaren Energien decken. Um dieses Ziel zu erreichen, müsste die jährliche Stromerzeugung aus erneuerbaren Energien um 27 Terawattstunden (TWh) gesteigert werden — davon 11 TWh Photovoltaik, 10 TWh Windkraft, 5 TWh Wasserkraft und 1 TWh Biomasse. Dafür werden bis 2030 jährlich etwa eine Milliarde Euro investiert.

Die drei Modelle der Energiegemeinschaft nach österreichischem Recht

Modelle von Energiegemeinschaften: Erneuerbare-Energie-Gemeinschaft, Bürgerenergiegemeinschaft, Gemeinschaftliche Erzeugungsanlage
Die drei Modelle im Überblick: EEG, BEG und GEA

1. Gemeinschaftliche Erzeugungsanlage (GEA)

Eine GEA ist das lokal konzentrierteste Modell. Mehrere Teilnehmer teilen sich eine gemeinsame Stromerzeugungsanlage, verbunden über eine einzelne Leitungsanlage — gedacht für Wohnhäuser, Siedlungen oder enge Nachbarschaften. Der wirtschaftliche Vorteil ist am höchsten: Für den innerhalb der GEA bezogenen Strom entfallen die Netzentgelte komplett, dazu Erneuerbaren-Förderbeitrag und Elektrizitätsabgabe.

2. Erneuerbare-Energie-Gemeinschaft (EEG)

Die EEG ist das regional ausgerichtete Modell — typischerweise im Bereich einer oder mehrerer Transformatorstationen. Die Netzentgelte werden um 28 bis 64% reduziert (je nach Netzebene und Trafo-Zugehörigkeit).

3. Bürgerenergiegemeinschaft (BEG)

Die BEG ist das bundesweit konzipierte, offenste Modell — nicht auf erneuerbare Energiequellen beschränkt und österreichweit tätig. Der Nachteil: BEGs erhalten keine finanziellen Vergünstigungen bei Netzentgelten und Abgaben.

Vergleichstabelle GEA vs. EEG vs. BEG: Geografisch, Energiearten, Netzentgelt-Reduktion, rechtliche Anforderung, Teilnehmer
Vergleichstabelle: GEA vs. EEG vs. BEG
Grafik Netzebenen und Energiegemeinschaften: BEG, Regionale EEG, Lokale EEG, GEA nach Netzebenen 1-7
Netzebenen und Energiegemeinschaften | Quelle: Österreichische Koordinationsstelle für Energiegemeinschaften
Detailgrafik Netzebenen und Energiegemeinschaften mit Stromimporten, Wasserkraft, Biomasse, Großindustrie, Speicher
Netzebenen im Detail: von 380/220kV bis 400/230V

Das überarbeitete Elektrizitätswirtschaftsgesetz (ElWG 2025)

Im Sommer 2025 trat das neue Elektrizitätswirtschaftsgesetz (ElWG) in Kraft — die größte Energiereform seit zwei Jahrzehnten. Es modernisiert die Regeln für Energiegemeinschaften erheblich:

  • Mehrere EEGs können sich zu einer Hauptorganisation zusammenschließen
  • Schutz vor Diskriminierung durch Energielieferanten
  • Flexibler Netzzugang mit Spitzenkappung auf 70% der Maximalkapazität
  • Vereinfachte Übertragung der Betriebs- und Verfügungsgewalt
  • Künftig geplant: Peer-to-Peer-Verträge ohne Gründung einer Rechtsperson

Koordinierungsstelle für Energiegemeinschaften

Die Österreichische Koordinierungsstelle (Teil des Klima- und Energiefonds) bietet Musterverträge, FAQs, Best-Practice-Beispiele und Beratung.
Kontakt: info@energiegemeinschaften.gv.at · +43 1 532 39 99 (Mo–Fr, 9:00–12:00)

Praxis: Wirtschaftliche und ökologische Vorteile

Zusammensetzung der Stromkosten: ohne Energiegemeinschaft 29,9 Ct/kWh, mit Energiegemeinschaft 20,6 Ct/kWh, Ersparnis 9,3 Ct/kWh = 31,1%
Zusammensetzung der Stromkosten — Ersparnis von 31,1% durch Energiegemeinschaft

Die finanziellen Einsparungen sind real und messbar. Bei optimaler Trafo-Konstellation: 28–64% weniger Netzentgelte, plus Entfall von Erneuerbaren-Förderbeitrag (0,797 Ct/kWh) und Elektrizitätsabgabe (1,5 Ct/kWh). Bei einem Jahresverbrauch von 3.500 kWh entspricht dies einer Ersparnis von 70–175 Euro pro Jahr.

Ökologische Vorteile

  • Reduzierte Transmissionsverluste (ca. 5–7% des Stroms gehen in zentralen Systemen verloren)
  • Weniger Umweltbelastung durch Netzausbau
  • Lokale erneuerbare Erzeugung: Im besten Fall 70–80% lokale Deckung (wie EEG Ennstal)

Wie man selbst beitritt: Der praktische Ablauf

  1. Interessensbekundung: Adresse, Kontaktdaten und Verbrauchsinformationen im Online-Portal der EG eingeben.
  2. Validierung durch den Netzbetreiber: Prüfung, ob die Adresse im Versorgungsgebiet liegt — kann einige Wochen dauern.
  3. Beitrittsfenster: EGs arbeiten in regelmäßigen Beitrittsfenstern für koordinierte Verwaltung.
  4. Beitrittsvertrag: Nach Bestätigung erhalten Beitrittswillige Statuten, Tarife und Bedingungen — digital über einen Anmelde-Wizard.
  5. Smart-Meter-Aktivierung: Zustimmung zur Datenfreigabe im Smart-Meter-Portal des Netzbetreibers. Der Netzbetreiber hat 30 Tage Zeit zur Aktivierung.
  6. Automatischer Betrieb: Der Stromfluss wird elektronisch gesteuert, Abrechnung erfolgt monatlich.

Wichtig: Ohne Smart Meter ist eine Teilnahme nicht möglich. Fast alle Haushalte in Österreich haben bereits einen — der Netzbetreiber muss alte Zähler kostenfrei umrüsten.

Fallbeispiel: Bürger-Energie-Gemeinschaft Sieghartskirchen

Logo Bürger-Energie-Gemeinschaft Sieghartskirchen

Die Marktgemeinde Sieghartskirchen, gelegen in Niederösterreich an der Donau (Bezirk Tulln), hat sich früh als Pionier für dezentralisierte Energieversorgung positioniert. Mit dem EAG 2021 kam die Chance — Bürgermeisterin Josefa Geiger griff diese aktiv auf.

Das Ziel war transparent formuliert: Strom sauber und nachhaltig im Ort produzieren und vor Ort verbrauchen. Sieghartskirchen hat sich für das Modell der Bürger-Energiegemeinschaft (BEG) entschieden — Obfrau der BEG ist Bürgermeisterin Josefa Geiger. Die technische Umsetzung erfolgt mit Netz NÖ, Energie Zukunft Niederösterreich (EZN) und dem E.GON-Portal.

Tarife und Beitrittsfenster 2025

  • Strompreis: 11,00 Cent/kWh für Erzeuger und Verbraucher
  • Administrationsentgelt: 30 Euro pro Zählpunkt pro Jahr
  • Fenster 1: 1.–14. Januar  ·  Fenster 2: 1.–14. April
  • Fenster 3: 1.–14. Juli  ·  Fenster 4: 10.–14. Oktober

Seit 1. Mai 2022 können Bürger von Sieghartskirchen beitreten. Der Tarif basiert auf einer Kostendeckungs-Logik: Die Betreiber berechnen die realen Kosten der Verwaltung, nicht eines Gewinnaufschlags — ein Alleinstellungsmerkmal gegenüber kommerziellen Anbietern. Zum Vergleich: Der österreichische Durchschnittspreis für Neukunden lag 2024 bei 18–25 Cent/kWh.

Praktisches Beispiel

Szenario: Familie Mueller hat eine 6-kWp-PV-Anlage auf dem Dach. Ihr Nachbar Huber hat keine Anlage, braucht aber günstigen Strom. An einem Sommertag erzeugt Mueller 4 kW, verbraucht selbst nur 0,5 kW — die 3,5 kW Überschuss fließen automatisch zu Huber und zwei weiteren Nachbarn. Huber spart dadurch ca. 20 Euro im Monat.

Vergleich mit anderen österreichischen Energiegemeinschaften

EEG EnergieZone Traismauer

Traismauer, ebenfalls in Niederösterreich, gründete die EEG im März 2023. Besonderheit: Neben PV auch Wasserkraftanlagen der Mühlbäche — ermöglicht ganzjährige Versorgung. Derzeit 55 Zählpunkte angeschlossen.

EEG Ennstal (Steiermark)

Eines der erfolgreichsten Großprojekte Österreichs: Gegründet Februar 2022, 272 Mitglieder, 470 Zählpunkte. Energiemischung aus Wind, PV und Wasserkraft deckt 70–80% des Bedarfs durch Eigenproduktion. Ein großer Windpark ist Mitglied.

Energiegemeinschaft Hart bei Graz

Österreichs erstes E-Auto-Quartier: 22 Wohneinheiten mit umfassender PV, zwei Wärmepumpen, Batteriespeicher und intelligentem Lastmanagement — Ziel ist nahezu vollständige Energieautarkie.

Zukunftsperspektive bis 2030

Die Zahlen sind beeindruckend: Frühjahr 2025 gab es über 3.000 Erneuerbare-Energie-Gemeinschaften in Österreich, 2024 wurden 147 Bürger-Energiegemeinschaften gegründet. Rund 100.000 Zählpunkte sind bereits aktiv — bei etwa 6,4 Millionen Zählpunkten österreichweit (ca. 1,5%).

Szenarien bis 2030

  • Lineares Wachstum: 500.000–800.000 Zählpunkte (8–12%), 5–8 TWh Deckung
  • Exponentielles Wachstum: 1,5–2 Mio. Zählpunkte (25–30%), 10–15 TWh Deckung
  • Hybrid-Netz: Großkraftwerke sichern Grundlast, dezentrale EGs bedienen regionale Spitzen

Videos zum Thema Energiegemeinschaften

Vier Videos vertiefen die wichtigsten Aspekte von Energiegemeinschaften in Österreich:

Fronius Logo

Fronius zählt zu den führenden Herstellern von PV-Wechselrichtern und Energiespeicherlösungen — technische Basis vieler österreichischer Energiegemeinschaften.

Handlungsempfehlungen

Für Privatpersonen

  • Informieren Sie sich, ob eine EG in Ihrer Gemeinde besteht — die Einsparungen sind real, die Barrieren minimal.
  • Wenn keine EG existiert, kontaktieren Sie die Gemeinde — der Gründungsaufwand wird oft unterschätzt.
  • Erwägen Sie eine PV-Anlage — auch kleine Anlagen (3–5 kWp) sind rentabel.

Für Gemeinden und Kommunen

  • EGs initiieren: Der Aufwand ist gering, der Return on Investment hoch.
  • Vorbildfunktion: Gemeindegebäude sollten Mitglied sein und PV-Anlagen tragen.
  • Kostenlose Infoveranstaltungen reduzieren Beitrittsbarrieren erheblich.

Zusammenfassung

Die Energiegemeinschaft Sieghartskirchen steht exemplarisch für eine österreichische Erfolgsgeschichte, die gerade erst begonnen hat. Mit über 3.000 EGs österreichweit zeigt sich: Das Modell funktioniert, es skaliert, und wird von Bürgern begeistert angenommen. Die Kombination aus wirtschaftlichem Eigennutz, ökologischer Notwendigkeit und gesellschaftlichem Zusammenhalt macht Energiegemeinschaften zu einer seltenen Win-Win-Win-Situation.

OPS JARC unterstützt Gemeinden, Unternehmen und Privatpersonen bei der Planung, Gründung und Optimierung von Energiegemeinschaften sowie bei Gebäudeenergetik und Facility Management — als offiziell gelisteter E-Control Energieauditor.

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